CPULs KASSEL - Landwirtschaft in der Stadt​

Die allgemeine Nachfrage nach städtische Flächen ist angesichts der fortschreitenden Urbanisierung hoch. Aber auch das gesellschaftliche Interesse das konventionellen Ernährungssystem zu überwinden nimmt zu. Die Tatsache, dass das hiesige Nahrungsangebot vor allem über global verteilte Produktionsflächen gewonnen wird, verursacht zahlreiche ökologische und soziale Probleme.

Wie können Planer*innen die hohe Bauflächennachfrage mit dem steigenden Interesse an lokaler Nahrungsproduktion im Stadtraum in Einklang bringen?

Ein Vorlschag diesen Flächenkonflikt zu lösen ist das Konzept der “doppelter Nachverdichtung” der Architekten Katrin Bohn und Andre Villjoen. Die Nachverdichtung soll nicht nur baulich, sondern auch in Form einer continuous productive urban landscape (CPULs) stattfinden.

Was genau ist unter einem CPULs zu verstehen?
Und wie lässt sich dieses Konzept in die Stadt Kassel denken?

Mit diesen Fragen haben wir uns, drei Student*innen der Stadtplanung ein Semester lang beschäftigt. Die Ergebnisse unserer Projektarbeit haben wir für euch unten aufbereitet. Viel Inspiration in der CPULs Kassel!

1_Was sind CPULs?

Das Konzept der CPULs soll durch städtische Strukturen hindurch einen kontinuierlich erfahrbaren Grünraum entstehen lassen (vgl. Bohn & Viljoen, 2014, S. 12). Die Stadtplaner*innen Katrin Bohn und André Viljoen von der Brighton University publizierten 2005 das Buch “CPULs: Continuous productive urban landscapes”, in dem sie ihr Konzept zur Nachverdichtung von Städten mit Produktionsflächen für Nahrungsmittel vorstellen. Die zentrale Idee ist, einen kontinuierlich durch die Stadt verlaufenden Freiraum mit Flächen für Landwirtschaft zu kombinieren.(vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 11). Dieser Grünraum soll frei von motorisiertem Verkehr gehalten sein und Aufenthaltsflächen mit Orten der Nahrungsmittelproduktion verbinden.

Innerhalb der dichten europäischen Städte sollte Nachverdichtung nicht nur durch Gebäude geschehen, sondern auch mit Flächen zur Produktion von Nahrungsmitteln. So kann gleichzeitig die Lebensqualität innerhalb der Städte verbessert und die ökologisch negativen Auswirkungen der aktuellen Nahrungsmittelproduktion verringert werden. Die Nahrungsmittelproduktion wieder näher an die Konsument*innen zu rücken hat offensichtliche ökologische und ökonomische Vorteile (vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 151). Innerhalb der Städte ist bereits eine gewisse Infrastruktur zum Betreiben von Ackerbau, wie Strom- und Wasseranschlüssen, gegeben (vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 151). Außerdem sind urbane Räume durchschnittlich wärmer, als Flächen außerhalb der Städte, was förderlich für das Wachstum der Pflanzen sein kann.

Urbane Landwirtschaft bei der die lokale Bevölkerung in aktiv mitarbeitet, hat sich als ein Mittel zur Stärkung der Identifizierung mit dem Ort und der Vernetzung der Nachbar*innen untereinander herausgestellt (vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 57). In den USA und Großbritannien wurde beispielsweise ein signifikanter Rückgang an Straftaten in Quartieren beobachtet, in denen urbane Gärten angelegt worden sind. Außerdem wird berichtet, dass sich Bevölkerungsgruppen innerhalb der urbanen Gärten ausdrücken können, die an anderen Orten Diskriminierung erfahren: Zum Beispiel ethnische Minderheiten, Frauen oder Senioren.

Wirtschaftlich kann die urbane Landwirtschaft eine Gegenbewegung zur Oligopolisierung des Lebensmittelmarktes sowohl bei der Produktion, als auch im Handel sein (vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 58). Quartiere können sich mit Hilfe urbaner Landwirtschaft selbst mit frischem Gemüse und Früchten versorgen ohne auf große Agrarbetriebe oder Supermarktketten angewiesen zu sein. Außerdem verbessern urbane Gärten den Zugang zu gesunden Lebensmitteln, fördern die Bewegung und die geistige Gesundheit (vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 60).

Eine kontinuierliche und produktive Landschaft nach dem Vorbild des CPUL-Konzepts wird wie folgt entworfen (vgl. Bohn & Viljoen, 2014, S. 13): Zuerst wird eine Stadt ausgewählt. Im zweiten Schritt werden alle Grünräume der Stadt kartiert. Auf Grundlage der bereits existierenden Freiflächen werden danach Bereiche identifiziert, die potentiell als zusammenhängende Grünzüge die Stadt durchqueren könnten. Fehlende Bereiche innerhalb dieser imaginären grünen Bänder werden abschließend mit Flächen zur Produktion von Nahrungsmitteln aufgefüllt. Diese neuen urbanen Agrarflächen werden durch Nutzungsintensivierung oder Umnutzung bereits programmierter Flächen gewonnen (vgl. Bohn & Viljoen, 2014, S. 12). Es geht beim CPULs-Konzept nicht um “tabula rasa”, sondern um das Anpassen bestehender Strukturen (vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 11).

Bohn und Viljoen empfehlen zur Produktion von Nahrungsmitteln in der Stadt vor allem das Pflanzen von Gemüse- und Fruchtsorten (vgl. ebd., 2014, S. 12). Obst und Gemüse hat in der Landwirtschaft die größten Ertragswerte pro Quadratmeter agrarisch genutzter Fläche.

Zur Versorgung einer ganzen Stadt mit Nahrungsmitteln sehen Bohn und Viljoen die Notwendigkeit in der Bewirtschaftung der urbanen Anbauflächen durch kommerzielle Betreiber (vgl. ebd., 2014, S. 13). Außerdem ist in den Augen der Autoren nur so eine wirkliche Wende in der Nahrungsproduktion und Ernährungsweise zu bewirken.

Aktuell bestehen noch keine Beispiele für durchgehende produktive Grünzüge in städtischen Gebieten, aber urbaner Ackerbau wird in vielen Städten weltweit in den unterschiedlichsten Formen betrieben (vgl. Viljoen, Bohn, & Howe, 2005, S. 12).

Bohn, K., & Viljoen, A. (Hrsg.). (2014). Second nature urban agriculture: designing productive cities. Abingdon, Oxon ; New York: Routledge, Taylor & Francis Group.

Viljoen, A., Bohn, K., & Howe, J. (Hrsg.). (2005). Continuous productive urban landscapes: designing urban agriculture for sustainable cities. Amsterdam: Architectural Press [u.a.].

2_Raumanalyse

Bei der Suche nach einem zusammenhängenden Grünzug durch die Stadt Kassel hat sich der Raum entlang der Flüsse Ahne und Losse als Potentialraum herausgestellt.

Dieser Bereich zieht sich von den agrarischen Flächen im Norden der Stadt durch die Nordstadt mit einem Sprung über die Fulda nach Bettenhausen und geht dort im Südosten wieder auf landwirtschaftliche Flächen hinaus. Dieser Bereich wurde im Zuge des Projekts eingehend auf Anknüpfungspunkte mit dem Kasseler Stadternährungssystem hin analysiert. Themen dabei waren bestehende Produktionsflächen, Lebensmittelhändler oder auch Kantinen und Gemeinschaftsküchen.

Die Ergbenisse der Analyse sind als Karten hier im PDF-Format abrufbar.

3_Potentialräume innerhalb der CPULs

Der Freiraum entlag der beiden Flüsse Ahna und Losse ist derzeit noch nicht als zusammenhängendes Grün erlebbar.

Die potentielle CPUL im Osten Kassels ist eine Abfolge unterschiedlicher Raumsituationen, deren Freiraumqualitäten stark schwanken. Entlang des produktiven Grünzugs wurden unterschiedliche Potentialräume identifiziert, die mit Hilfe der Nahrungsmittelproduktion zugänglicher und grüner gemacht werden könnten. So könnte sich in Zukunft durch Kassel ein Freiraum ununterbrochen hindurchziehen.

Die Potentialräume innerhalb der Kasseler CPUL sind in der folgenden Karte im PDF-Format einzusehen.

4_Analyse und Entwurfsskizze innerhalb eines Potentialraums

Innerhalb der ersten CPUL in Kassel wurde ein Potentialraum für eine vertiefende Untersuchung ausgewählt. Es handel sich dabei um das Gewerbegebiet entlang der Bunsenstraße in der Kasseler Nordstadt.

Das Gebiet ist derzeitlich stark versiegelt und baulich undurchlässig. Die Bestandsanalyse des Gebiets kann als PDF hier abgerufen werden.

In einer Entwurfsskizze wurde getestet, wie das Nachverdichten mit produktiven Grünflächen sich auf die bauliche Struktur auswirkt.

Der Unterschied in der Freiflächenversorgung der Nachbarschaft nach dem Einfügen von urbanen Agrarflächen ist in einem Piktogramm schematisch dargestellt.

Universität Kassel
Bachelor Stadt- und Regionalplanung
Projekt: Stadt – Land – Ernährung
Wintersemester 2018/2019

Bearbeiter*innen: Joana K., Julian B. und Cordula S.

Close Menu